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7 Buchstaben

Er blickte düster auf die im Ascher verglimmende Zigarette. Wie oft hatte er in den letzten Jahren versucht, aufzuhören? Wie viele Male hatte er den Schwur "Das ist die letzte Kippe" ausgesprochen? Er wusste es nicht. Es war auch unwichtig. Er atmete tief ein und unterdrückte einen Seufzer beim Ausatmen. Tom der Barkeeper stellte ein Glas Whisky vor ihn hin und nickte ihm zu. Das bedeutete "zum Wohl" - ja, zum Wohl, welche Ironie. Er nahm das Glas Talisker, ein rauchiger Schottischer Single Malt, und setzte es an den Mund. "Prost Alter", dachte er und schüttete sich die 4 cl hinter die Binde. Sein Blick wanderte kurz die dunkelbraune Theke entlang, an der er seit heute mittag mehr hing als saß.

Es waren um diese Zeit, es war etwa 17 Uhr, nur wenige Leute in der Bar. Da war ein dicklicher Mann, der mit einer kurzsichtigen Frau an einem Tisch nahe des Eingangs saß. Diese beiden Mittvierziger schätzte er konservativ minderbemittelt ein. Ein kurzer Hustenanfall unterbrach seine Gedanken. Am Ende der Theke sah eine Frau kurz von ihrem Bier auf und blickte ihn an. Sie war eher schlicht gekleidet, hatte aber einen auffallenden Hut auf, unter dem hellblondes Haar hervorquoll. Es handelte sich um einen 70er Jahre Schlapphut mit aufgedruckten Blumen und der typischen sehr breiten Krempe. Ihr Gesicht war hübsch, nicht edel und auch kein Modellgesicht, doch es hatte diesen Schnitt, der einen dazu verführte, zweimal hinzusehen. Die Augen ein wenig mehr auseinander als üblich, die Nase stupsig und die schon von Natur aus vollen Lippen knallrot getüncht. "Osteuropäerin, Mitte 20, auf Männerjagd", dachte er bei ihrem Anblick und einen Moment lang blitzte die Idee auf, das auszunutzen und die einsame Lady zu einem Drink einzuladen. "Fuck it", fluchte er leise.

Nicht dass er seinem Charme nicht trauen würde, er hatte in seinen 35 Jahren genügend Frauen verführt. Geflirtet bis sie wachsweich waren und sie dann flachgelegt. Frauen waren ein schönes Spiel. Nichts roch besser als eine erregte Frau, nichts schmeckte besser als ein geiler Kuss und nichts auf der Welt fühlte sich besser an als ein nackter Frauenkörper. Er kannte sich aus. "Damned", dachte er. Er winkte Tom kurz zu und der Keeper brachte ihm ein neues Glas des 15-jährigen Malts, während er sich eine weitere Zigarette ansteckte. Es waren diese verfluchten 7 Buchstaben, die ihm das eingebrockt haben. Lächerlich, 7 klitzekleine, schwarze Dreckflecken auf diesem verfluchten Stück Papier. "Fuck fuck fuck", hallte es in seinem Kopf. Es war das Ende, alles war vorbei. Er konnte es immer noch nicht glauben, es waren nur verdammte 7 Buchstaben, die alles kaputt machten.

Tom stellte den Talisker mit seinem üblichen Nicken vor ihn. Er blickte auf das Glas, zog an seiner Zigarette und blies den Rauch langsam aus. Das Wirbeln des Rauchs hatte eine beruhigende Wirkung. "Ob ich mich erschießen sollte?", schoss es ihm durch den Kopf. Er lachte vor sich hin, als er an die Schlagzeile dachte, die ein schwarz-rotes Boulevardmagazin abdrucken würde: "7 Buchstaben töten erfolglosen Börsenmakler"

Nein, er war nicht erfolgreich, er war einer von einigen hundert Maklern, die jeden Tag ins Börsenhochaus strömten, 12 Stunden lang für Kunden Papiere kauften und verkauften, abends die Börse verließen und dafür am Monatsende ein wenig Kohle auf das Konto bekamen. Gerade genug zum Überleben in dieser großen, teuren Mainmetropole. Ein paar Tage Urlaub im Jahr, in denen man sich die Illusion gönnte, zu den Reichen zu gehören, indem man in Länder flog, die verdammt arm waren. Dort war der Euro das Big Money und hatte den Dollar schon abgelöst. Da konnte man sich alles leisten, vor allem menschliche Dienstleistungen, die in der Heimat unbezahlbar waren. Ja, er hatte das auch gemacht, er hatte sich als Gott gefühlt, den Krösus gespielt und die Notlage der Menschen dort rigoros ausgenutzt, um sich selbst zu befriedigen. Heute hatte er die Rechnung dafür bekommen. Eine, die in keinem Reiseprospekt auftauchte, die nicht in Euro oder Dollar beglichen wurde. Eine, die aus 7 Buchstaben bestand:

p o s i t i v

Er fand das Schreiben heute vormittag in seinem Briefkasten. Es war das Ergebnis des Bluttests, der bei der Blutspende immer gemacht wird. Doch normalerweise bekam man kein Schreiben, sondern das Ergebnis wird auf der Konserve vermerkt und man hört nie wieder etwas davon. Er spendete jedes halbe Jahr, daher war er heute so verblüfft, Post vom Roten Kreuz zu bekommen. Innerlich witzelte er schon, dass er wohl irgendetwas gewonnen hätte oder dass er mutiert sei und sich seine Blutgruppe geändert hätte. Dann öffnete er den Umschlag und las sein Todesurteil:

"Sehr geehrter Herr Jonas Winsler,

wir müssen ihnen leider mitteilen, dass der Bluttest ihrer Spende auf HIV das Ergebnis

p o s i t i v

hat. Wir raten ihnen dringend, sofort ihren Hausarzt zu konsultieren und ihm dieses Schreiben vorzulegen. Wir werden ihren Fall zeitgleich der Zentralstelle für Seuchen in Berlin melden.

Mit freundlichen Grüßen"

"7 Buchstaben, verfickte 7 Buchstaben, verfickte verfickte scheiß 7 fuck fuck fuck!"

Seine Faust krachte auf die Theke und in der Bar wendeten sich alle zu ihm. Er blickte nicht einmal auf. Er nahm das Glas Malt und kippte es runter, so wie das Dutzend vorige auch. Tom brachte ihm dieses Mal automatisch den nächsten Talisker. Er versuchte ein Lächeln, das gehörig in die Hose ging, doch es kümmerte ihn auch nicht.

"Entschuldigen Sie, darf ich mich zu ihnen setzen?" Eine warme, junge Stimme mit polnischem Akzent sprach diese Worte zu ihm. Er blickte in das hübsche Gesicht der Frau mit dem Schlapphut, jetzt nur noch 50 cm von seinem Gesicht entfernt. Es dauerte einige Sekunden, bis sein Kopf das verarbeitete, dass sie wohl nach seinem Ausbruch ihren Platz verlassen haben musste und zu ihm gegangen war. Sie hatte ihn angesprochen und wartete immer noch auf eine Antwort. Noch während er stierte wie ein Ochse, setzte sie sich auf den Barhocker neben ihn. "Ich heiße Leyla und komme aus Warschau. Ich mache Urlaub hier, Frankfurt anschauen." Sie lächelte dabei freundlich und ihr Blick war offen aber nicht provokativ. Langsam schloss er seinen Mund, dann winkte er Tom her und deutet auf sie. Tom blickte Leyla an, die ein Bier bestellte. "Jonas, ich bin Jonas", stammelte er. Er war so aus seinen Gedanken gerissen, dass er seinen gewohnte Sunnyboy gar nicht aufsetzen konnte. Sie blickte weiterhin freundlich und erzählte ihm von ihrer Stadtrundfahrt, den Museen und dem schönen Mainufer, dass sie schon die Zachiel - "Zeil meinen sie" - "ja, Zeil" - entlang gebummelt sei, dann die Fressengasse - "Freßgass" - "ja" - und auch schon an der Alten Oper gewesen sei. Er lauschte ihrem weichen Akzent und unterbrach sie lediglich um ab und an mit ihr anzustoßen.

"Sie haben schlechte Nachrichten erhalten", war ein Satz, der ihn wieder in die Realität zurück riss. Er blickte sie verwirrt an und nickte leicht. "Nein, sagen sie mir nichts davon, ich will es gar nicht wissen. Aber hören sie mir einfach noch ein paar Minuten zu." Sein Kopf war whiskybeschwert und er genoss ihre Anwesenheit, also nickte er nochmals stumm und zündete sich eine Zigarette an. Sie nickte ebenfalls, nahm einen Schluck Bier und redete weiter.

"Sie müssen die Hoffnung nicht aufgeben, egal was sie erfahren haben. Sehen sie, ich bin jung, 26 Jahre alt und ich bin froh, auf dieser Welt zu leben. Ich reise hierher und schaue mir alles an. Ich reise weiter und schaue mir auch dort alles an. Ich liebe das, was ich sehe und ich nehme diese Erinnerung mit mir zurück nach Hause. Ich werde bald sterben, denn ich habe eine Krankheit, die niemand auf der Welt heilen kann. Bald ist in ein paar Wochen oder in einem Monat. Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass mir wenig Zeit bleibt. Doch diese Zeit will ich nicht mit Traurigkeit verschwenden, ich will fröhlich sein und das Gefühl haben, immer glücklich zu sein. Nur dann hat mein Leben einen Sinn gehabt, wenn ich es nicht verschwendet habe. Wäre ich jetzt die ganze Zeit traurig, bis ich sterbe, dann wäre diese Zeit verschwendete Zeit. Verstehen sie mich?"

Er blickte in dieses hübsche Gesicht und ihre Augen erschienen ihm wie strahlende Sterne. Sein Gesicht formte ein Lächeln und ohne dass er darüber nachdachte, sagte er nur: "Ja."

"Gut, ich muss jetzt gehen. Leben sie wohl, Jonas. Es hat mich sehr gefreut, sie getroffen zu haben. Ich werde sie mit nach Hause nehmen, auf meine letzte Reise. Leben sie wohl." Mit diesen Worten drehte sie sich um, rutschte vom Barhocker, winkte einmal kurz zu Tom und verließ die Kneipe ohne zurückzublicken. Er wischte sich eine Träne von der Wange und blickte ihr noch lange hinterher. Dann sagte er zu Tom: "Hey Tom, würdest Du mir einige Minuten schenken, ich glaub' ich muss mit dir reden."



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